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T910628.199 TAZ-BERLIN Nr. 3442 Seite 28 vom 28.06.1991
100 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Diepgens Gruß läßt die Homos kalt
Diepgens Gruß läßt die Homos kalt
taz-Forum zur Homokrise/ Karneval oder Klassenkampf?/ Streit um
Diepgens CSD-Grußwort
Mitte. Zwei Wachleute sicherten am Mittwoch abend das taz-Forum im
Ostberliner »JoJo-Club«: Hetero in der Krise lautete das Motto -
warum, wußte eigentlich keineR. Denn die Podiumsdiskussion sollte sich um »20
Jahre Lesben- und Schwulenbewegung« drehen. Nach anderthalb Stunden
»gegenseitigen Anpinkelns« (so Ilse Kokula vom »Referat für
gleichgeschlechtliche Lebensweisen« beim Senat) kannten die über 60
ZuhörerInnen das wahre Thema: »Homo in der Krise«.
»Die Emanzipation der Homosexuellen bedeutete 1971 auch den Angriff auf den
Kapitalismus«, erinnerte sich Bert Thinius. Der bevorstehende Berliner
Christopher Street Day (CSD) sei dagegen eher Karneval als Klassenkampf,
meinte der abgewickelte Homosexualitäts-Wissenschaftler der Humboldt-Uni.
Auch bei den Lesben sei der Sturm aufs Patriarchat abgeflaut, bedauerte
Sabine Hark. Die FU-Soziologin mit dem »heimlichen Schwerpunkt
Lesbenforschung« kritisierte die inzwischen »ziemlich entpolitisierte Lesben-
und Schwulenbewegung«.
»Eine ganz neue Tendenz« befürchtete Micha Schulze, freier
»Schwulenjournalist« und mit 24 Jahren der jüngste auf dem Podium: Erstmalig
habe mit dem Regierenden Bürgermeister Diepgen ein CDU- Politiker ein
Grußwort zum CSD verfaßt. »Dem 13. Christopher Street Day Berlin wünsche ich
ein gutes Gelingen«, schrieb Diepgen unter anderem an die
CSD-Vorbereitungsgruppe. Die habe bei dem CDU-Politiker regelrecht
»gebettelt«, kritisierte Schulze. Die Geste des Regierenden hält er für
Kalkül: »Die Konservativen haben gemerkt, daß die Schwulen keine Gefahr sind
und sich wunderbar in die Gesellschaft integrieren lassen.«
»Arroganz der Macht« und »Floskeln der Toleranz« vermutete auch der
Journalist und Buchautor Elmar Kraushaar, mit 41 Jahren ein Schwulenbewegter
der ersten Stunde. »Das ist nicht ernst zu nehmen«, meinte Christian Pulz,
offen schwules Mitglied des Abgeordnetenhauses für Bündnis 90/ Grüne. Mit
ähnlichen Lippenbekenntnissen wolle sich Diepgen auch bei AusländerInnen
einschmeicheln. Pulz' Parteifreundin Halina Bendkowski erkannte »repressive
Toleranz«. Ein Zuhörer wagte schließlich die Frage: »Könnte es nicht sein,
daß Diepgen seine Meinung über Schwule und Lesben tatsächlich geändert hat?«
»Schwule sind noch immer vor allem Männer«, kritisierte Sabine Hark. Als
Bündnispartner der Lesben kämen sie erst dann in Frage, wenn sie ihre
gesellschaftlichen Männerprivilegien in Frage stellten. Marinka Körzendörfer
vom Unabhängigen Frauenverband erinnerte sich: »Zu DDR-Zeiten hätten wir auf
einer Demo bestimmt keinen getrennten Schwulen- und Lesbenblock gebildet.«
»Wann ist Schluß mit dem schwulen Konsens?« fragte Micha Schulze provokativ.
Wenn sich inzwischen auch ein CDU-Politiker - wie in der Friedrichshainer BVV
- offen zum Schwulsein bekennen könne, müsse die Homosexuellenbewegung nach
einer neuen Basis suchen. »Die sexuelle Orientierung alleine reicht dafür
nicht mehr aus«, erkannte Elmar Kraushaar.
»Und wo bleibt die Heterokrise?« fragte schließlich doch noch ein Zuhörer.
Der für das Motto des taz-Forums verantwortliche Redakteur leistete Abbitte:
Der Hetero-Titel sei nur als »Anreißer« gedacht gewesen. Offensichtlich
überzeugte er wenigstens die Skinheads - die beiden Wachmänner kamen
jedenfalls nicht zum Einsatz. Marc Fest
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T910628.211 TAZ-BERLIN Nr. 3442 Seite 25 vom 28.06.1991
84 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Eine einzige Hinein- und Hinausfeierei
Eine einzige Hinein- und Hinausfeierei
Dreitägiges Kreuzberger Atelierleichenfleddern mit Musik/ Neue
Kulturfabrik in Friedrichshain
Das habt ihr nun davon, Berlinerinnen und Berliner! Und auch ihr Bonner
Abgeordnete! Tolle Künstlerfeste mit morbidem Einschlag, nomadisierende
Künstler, die ihr Zelt mal hier, mal da aufschlagen, immer zur Freude der
Hauptstädter. Denn mit Einheit, Eiern und einzigartiger Hauptstadt stiegen
die frei aushandelbaren Mieten für Gewerbe, also auch für Ateliers, um 100
bis 300 Prozent. Im freien Spiel von Angebot und Nachfrage bieten Künstler zu
wenig, als daß sie nachgefragt oder ihnen ein Arbeitsraum gar hinterher
geworfen würde. Allerdings, Spielverderber sind sie nicht. Neun
internationale Künstler machen den Anfang und laden die Bevölkerung ein, die
letzten 72 Stunden ihres sterbenden 170-m-Ateliers gemeinsam zu verbringen.
Seit heute, 0.01 Uhr, wird unter dem Motto Drei Tage
Intensivstation am Kottbusser Damm 79, 1. Hof, Aufgang A geleichenfleddert.
Die Bildhauer, Bühnenbildner, Maler und Videoartisten, die seit Mai 1990 an
eben diesem Ort ihrer Kunst frönten, rufen zum Leichenschmaus mit Tanz, Musik
und Action sowie zur Nachlaßverteilung auf. Im Angebot: vergoldete Pinsel,
wertvolle Farbreste. Bis 30. 6., 24 Uhr soll durchgefeiert werden.
Angefeiert wird dagegen ein Projekt namens STILKAMM 5 1/2 am
Samstag, dem 29. Juni, ab 11 Uhr in der leerstehenden Fabrik Rigaer Straße 14
in Friedrichshain. »KünstlerInnen, StudentInnen und andere Menschen, die sich
im Spannungsfeld von Kunst und Politik bewegen«, schlossen sich nach der
Räumung der Mainzer Straße im November 1990 zusammen und organisierten die
beiden Mainzer Kunstausstellungen. Die erste fand statt als Kunst-Besetzung
eines Hauses in der Thaerstraße in Friedrichshain und endete nach einer
Räumungsandrohung gewaltlos, da die GSW Friedrichshain Vertragsverhandlungen
für die längerfristige Nutzung eines noch zu benennenden Objekts angeboten
hatte.
Die beiden bisher gemachten Angebote lehnte die Gruppe jedoch als für ein
Selbsthilfeprojekt ungeeignet ab. Die Fabrik in der Rigaer Straße 14 dagegen
»wäre das einzige uns bis jetzt bekannte Objekt, das den Anforderungen des
mit der GSW vereinbarten Angebotes entsprechen würde«. Auf der Veranstaltung
am Samstag soll das Nutzerkonzept »Im Spannungsfeld von Kunst und Politik -
wohnen und arbeiten in der Fabrik« sowie - »unter Mitwirkung von bereits
bestehenden Initiativen aus dem Kiez - ein Auszug aus dem Spektrum der
kulturellen Möglichkeiten« präsentiert werden. Eine lange Lobby-Liste, von
Bärbel Bohley bis Hermann Treusch, von Kulturamt Mitte bis endart,
befürwortet Projekt und Veranstaltung von STILKAMM 5 1/2 und
fordert die offiziellen Stellen auf, die Realisierung des Projekts zu
unterstützen. Doroh