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T910928.155 TAZ-BERLIN Nr. 3521 Seite 34 vom 28.09.1991
135 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Schwule wehren sich jetzt gewaltig
Schwule wehren sich jetzt gewaltig
648 Opfer antischwuler Gewalt in einem Jahr/ Schwule Selbsthilfe mit
Telefon, Knüppeln und Reizgas/ Innenverwaltung boykottiert
Polizistenseminare, die Vorurteile abbauen sollen
Berlin. Antischwule Gewalt: 648 Opfer innerhalb eines Jahres wurden
von der Projektgruppe »Gewalt gegen Schwule« gezählt, darunter acht
Vergewaltigungen und fünf Anschläge auf schwule Einrichtungen.
Seit Juli 1990 betreiben die 25 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Projekts ihr
»Überfalltelefon« in dem Schwulen-Informationsladen »MannoMeter«. Sie
dokumentieren Straftaten, betreuen die Opfer und konzipieren vorbeugende
Aktionen. Pünktlich zur internationalen Fachtagung »Gewalt gegen Schwule und
Lesben«, die gestern nach drei Tagen im Ostberliner »Haus am Köllnischen
Park« zu Ende ging, präsentierte das Projekt seine Zahlen.
Danach erleiden 39 Prozent der Gewaltopfer leichte oder schwere
Körperverletzungen, 35 Prozent stehen nach der Tat unter Schock und leiden
unter schweren Angstzuständen. Nur 17 Prozent kommen mit einem leichten
Schrecken davon. Die Täter treten in 75 Prozent aller Fälle in Gruppen auf,
die Hälfte von ihnen ist zwischen 15 und 23 Jahre alt. Etwa 50 Prozent der
Täter gehören - wie ihre Opfer - einer Minderheit an: sie sind Ausländer.
69 Prozent der Opfer erstatten keine Anzeige, sie fürchten den Gang zur
Polizei. Viele trauen sich auch nicht zu MannoMeter. Die Macher befürchten
daher eine zehnmal so hohe Dunkelziffer von Überfällen.
Die Vorstellungen der »Schwulenticker« seien immer dieselben, erzählt Bastian
Finke, Sozialarbeiter bei MannoMeter: »Schwule wehren sich nicht, Schwule
werden von der Gesellschaft geächtet, Schwule gehören ausgerottet.« Viele
Opfer hätten tatsächlich das Gefühl, die Polizei stünde auf der Seite der
Täter, so Finke. Sie träfen sich daher viermal im Jahr mit Vertretern der
Polizei, um diese Situation zu verändern.
Im August plante die »Schwulen- und Lesbenberatung Kulmerstraße« dazu ein
dreitägiges Info-Seminar. Nachdem sich bereits 24 PolizistInnen aus dem
mittleren Dienst angemeldet hatten, vereitelte die Innenverwaltung das
Vorhaben in letzter Minute. Angeblicher Grund: Die nötigen Gelder von 5.000
DM seien leider nicht verfügbar. Doch als Sponsoren und auch Jugendsenator
Thomas Krüger das fehlende Geld zur Verfügung stellen wollten, blieben die
Veranstalter hart: »Das ist eine Schulung für die Polizei, deshalb sollen die
auch zahlen«, meint Andrea Trogisch von der »Kulmerstraße.«
»Dies ist eine historische Chance. Die Schwulen- und Lesbenbewegung hätte bei
diesem ersten Mal über ihren Schatten springen sollen«, meint
Kriminalkommissar Heinz Uth, 56, heterosexuell und seit Oktober 1990
Schwulen- und Lesbenbeauftragter der Berliner Polizei. Die Polizeiführung
nehme ihn inzwischen sehr ernst: »Ich war noch nie so oft beim
Landeskriminaldirektor wie im vergangenen Jahr«, so Uth. Für seine neue
Tätigkeit sei ihm ein Assistent bewilligt und außerdem eine zusätzliche
Telefonleitung eingerichtet worden, das »Rosa Telefon«, so der Kollegenspott.
»Die Berliner Polizei ist heute einfach noch nicht so weit«, bekennt Uth.
»Wir sind eben kein Spiegel der Gesellschaft, eher ein blinder Spiegel.«
Lesbischen und schwulen PolizistInnen, die sich - wie bereits geschehen - bei
Uth mit ihren Problemen offenbaren, rät er nach wie vor, ihre Neigung im
Dienst zu verheimlichen. »Die haben sonst riesige Probleme, gerade im aktiven
Einsatz. Ich bin schon sehr froh, wenn ich sie überzeugen kann, den Dienst
nicht zu quittieren.«
»Das Gewaltmonopol muß bei der Polizei bleiben«, so Uth mit Blick auf die
»schwule Telefonkette«, einem Berliner Alternativprojekt, in dem Schwule das
Gewaltproblem buchstäblich auf eigene Faust und vor allem ohne die Polizei
lösen wollen. »Die Polizei kann uns nicht effektiv schützen, und viele von
uns haben auch keine Lust auf die Polizei«, meint Bernd von der AG »Dicke
Lippen«. Dort treffen sich alle zwei Wochen Schwule, die sich sonst eher
nichts zu sagen haben: Autonome, MannoMeter-Bewegte und kommerzielle
Kneipiers. Sie alle beteiligen sich an einer Notruf-Telefonkette: wird es
irgendwo brenzlig, reicht ein Anruf bei einer der acht
»Hauptvernetzungsstationen«, und schon kommt die Gegenaktion lawinenartig ins
Rollen, schwule Schutztruppen eilen dann zum Ort der Randale, bewaffnet mit
Knüppeln, Reizgas und Trillerpfeifen. Wenn Worte versagen, soll im Notfall
Gegengewalt angewandt werden.
Bernd: »Die Täter müssen kapieren, daß sie bei uns nicht mehr ein einfaches
Spiel haben, daß wir uns organisieren und wehren - und zwar über alle
ideologischen Gräben hinweg, sowohl Autonome als auch Diskohuschen. Wenn sich
die Schwulen immer nur ängstlich auf die Polizei verlassen, ändert sich ihr
Image nie.« Marc Fest