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T901029.201 TAZ-BERLIN Nr. 3247 Seite 28 vom 29.10.1990
90 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
»Gefreite« und »Generäle«
»Gefreite« und »Generäle«
»Pilotenspiele« grassieren in der Ex-DDR/ Initiatoren nutzen
Hierarchiegläubigkeit der Opfer/ 3.000 Mark und man ist »Gefreiter«
Brandenburg. Eilig packt der General die Hundertmarkscheinbündel in
einen abgewetzten Aktenkoffer. Schauplatz der Geldübergabe: eine Baracke in
Röntgental bei Bernau, nordöstlich von Berlin. Draußen ist es dunkel. Nur
eine Neonröhre erhellt den winzigen Raum, in dem sich etwa 30 Männer und
Frauen drängen. »Wahnsinn«, flüstert einer. Denn der General ist in
Wirklichkeit ein Eisdielenbesitzer und war vor vier Tagen noch Gefreiter. Nun
ist er um 21.000 Mark reicher.
Seit etwa drei Wochen grassiert es im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat:
das »Generalsspiel«, die Ostversion des altbekannten »Pilotenspiels«. Wer
einsteigen will, muß 3.000 Mark an einen General zahlen und ist erst einmal
Gefreiter. Wenn der General 21.000 Mark kassiert hat, muß er aussteigen; ein
Major nimmt seinen Platz ein, die Gefreiten werden zu Leutnants. Sie müssen
nun ihrerseits für jeweils zwei neue Gefreite sorgen, damit der Geldfluß
innerhalb der Rangpyramide nicht versiegt. Das hört sich einfach an, doch die
Tücke liegt in der Mathematik. Denn aufgrund der exponentiellen Spielstruktur
müssen nach nur fünf Spieldurchgängen theoretisch bereits eine
Viertelmilliarde Menschen mitmachen...
Ganze Dörfer sind inzwischen von der Spielepidemie erfaßt. So auch Buchholz,
nördlich von Berlin. Dort spielt fast die gesamte Belegschaft einer Obst- und
Gemüsefirma mit. Normal gearbeitet wird kaum noch, weil jeder krampfhaft nach
neuen Mitspielern sucht. Wer als Gefreiter neu einsteigen will, hat es
leicht: Ob in der Bäckerei, im Fleischerladen oder im örtlichen Supermarkt -
überall wimmelt es von Leutnants, Majoren und Generälen.
Im Gegensatz zum Pilotenspiel mit seinem Jetset-Flair für Yuppies wendet sich
das Generalsspiel speziell an die Ex-DDRler: »General 3000« heißt es in
Frakturschrift auf den Teilnehmerlisten, die alten Dienstgradabzeichen der
NVA kennzeichnen die Plätze in der Rangpyramide. Anders als im Westen läuft
alles in bar ab. Es gibt weder Quittungen noch gedruckte Spielregeln.
Ebenfalls anders als im Westen verdienen die Initiatoren des Kettenspiels
auch dann noch, wenn sie selbst nicht mehr mitspielen. Denn beim
Generalsspiel müssen die Spieler bei jedem Vorrücken in der Rangpyramide
einen neuen Listenvordruck ausfüllen. Doch diese »Originaldokumente« gibt es
ausschließlich in sogenannten »Zentralen« in Cottbus und Risa. Täglich
treffen sich dort Hunderte von frischgebackenen Generälen aus der gesamten
Ex- DDR, um brav für ein neues, computergedrucktes Spielformular anzustehen.
Kostenpunkt pro Stück: 500 Mark. Wartezeiten von bis zu vier Stunden sind
keine Ausnahme. Einen objektiven Grund für die Abhängigkeit von der
»Zentrale« gibt es dabei nicht. Die Antwort eines Generals auf die Frage,
warum er sich die Liste nicht einfach selber kopiert: »Das ist doch ein
reelles Spiel«.
Reell oder auch nicht - das »Generalsspiel« ist auf jeden Fall legal. Ein
Gefreiter aus Zepernick bei Bernau bringt die allgemeine Stimmung auf den
Punkt: »Vielleicht ist das meine große Chance«. Marc Fest