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T920330.129 TAZ Nr. 3669 Seite 18 vom 30.03.1992
92 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Kein Wortwitz an die Wolga
Kein Wortwitz an die Wolga
Abschied vom deutsch-amerikanischen Fernsehsender RIAS-TV in Berlin
Eine "feindliche, feindselige Einmischung" in die Angelegenheiten der DDR
beklagte "Sudel-Ede" am 22.August 1988 in seinem Schwarzen Kanal.
Anlaß: die Premierensendung des deutsch-amerikanischen "RIAS-TV" in Berlin.
Doch nicht nur der Propagandapapst (Ost) geriet damals in Wallung: die Grünen
befürchteten ein bonngesteuertes Regierungsfernsehen, Walter Momper sah "die
Totengräber des SFB" am Werke, und der Berliner 'Tagesspiegel` zog wegen des
neuen Senders bis vor das Oberverwaltungsgericht - vergeblich. Schließlich
kam dann alles doch ganz anders. Zur Abschiedssendung am Freitag abend
verdrückte denn auch manch alter Kritiker heimlich eine Träne.
Allabendlich um dreiviertel sechs verdrängte das Käsescheibenlogo des
RIAS-Abendjournals das Berliner Sat.1-Programm auf Kanal 25. In einem
halbstündigen Sendefenster flimmerten dann früher als bei der Konkurrenz
internationale News, Aktuelles aus Berlin und buntes Allerlei - die
Alternative zur drögen Abendschau des SFB. Ebenfalls erfolgreich:
das 4stündige RIAS-Frühstücksfernsehen und das modern gemachte Jugendmagazin
High-Life.
Was vorgestern mit viel Rückkopplungsgekreische seinen Abschied nahm, war
einmal die Idee deutsch-konservativer Kreise. "Adäquate und zielgerichtete
Information der Fernsehzuschauer in der DDR" hieß der Programmauftrag. 90
Prozent der Gelder spendierte der Bundestag, den Rest die Amerikaner- etwa 90
Millionen jährlich. Rechtsgrundlage für das heimliche Regierungsfernsehen war
der Berliner Sonderstatus. Diepgen selbst ging dafür im US-Kongreß hausieren-
mit Kanzlers Rückendeckung. Reagan gab schließlich seinen Segen, und RIAS-TV
konnte auf Sendung gehen - als Filiale der "US Information Agency" (USIA).
Oberster Hausherr in der Voltastraße war daher der US-Präsident persönlich -
vertreten durch einen amerikanischen "Chairman". Aber der hielt sich dann
doch dezent zurück. Das späte Kind des Kalten Krieges lag inzwischen allzu
sehr im Fadenkreuz der Kritiker: keine Chance für plumpe Propaganda.
Die junge RIAS-Crew entdeckte denn auch bald die große Freiheit. Ohne einen
quengeligen Rundfunkrat im Rücken texteten die Moderatoren zunehmend witziger
und engagierter. Anfangs als "Valium-Fernsehen" verschrieen, avancierte
RIAS-TV zur "Perle in der Berliner Medienlandschaft." Doch mit der deutschen
Einheit brauchte diese eine neue Fassung: Ein dreimonatiger Testlauf als
bundesweiter Frühstückssender für ARD und ZDF erreichte zwar bis zu neun
Millionen Frühaufsteher - der Zuschlag ging dann aber trotzdem an die
Deutsche Welle. Unter ihrem Dach verbreiten die 220 Mitarbeiter des einstigen
RIAS-TV nun ab April ein wohl eher positives Deutschlandbild in alle Welt.
Für die konservativen Ziehväter des Senders quasi die Erfüllung ihrer
Wünsche: Werbung für Germania, zwar nicht daheim, doch dafür immerhin
weltweit via Satellit. Zuviel Wortwitz ist dabei natürlich nicht mehr
angesagt - von wegen: Verstehen das die Wolgadeutschen? Moderator Jürgen
Drensek geht deshalb vorsorglich. Und Sat.1 stopft die Programmlücke - mit
Bingo. Marc Fest