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T900730.182 TAZ-BERLIN Nr. 3170 Seite 28 vom 30.07.1990
75 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Untertauchen in Kreuzberg
Untertauchen in Kreuzberg
Exklusives Tauchsportzentrum eröffnete in der Ohlauer Straße / Für 75
DM kann man dort 50 Minuten lang mal richtig "absaufen"
Kreuzberg. "Das Abenteuer ruft", hieß es in der Einladung, und über
200 Angehörige der Berliner Tauchschickeria kamen. Zur Eröffnung des
exklusiven "Dacor Dive Center" in der Kreuzberger Ohlauer Straße, just
gegenüber vom Spreewaldbad, gab es denn auch am Samstag vormittag
standesgemäß Schampus und eine Tombola mit Losen zu 25 Mark das Stück. Zur
Rettung der beinahe gänzlich toten Ostsee, selbstredend.
Wer den Rausch der Tiefe sucht, sei nun nicht mehr darauf angewiesen, sich
mit den Oberflächen-Schwimmern in öffentlichen Bädern zeitlich zu
arrangieren, so Geschäftsführer Gerald Lembke. Für 45 DM kann mann und frau
anderthalb Stunden lang im Tauchcenter-eigenen Becken (6,5m*12m*3,7m)
untertauchen, Flasche, Luft und Blei inklusive. Ferner im Angebot: Tauchkurse
aller Art, Ausrüstungen im eigenen Tauchshop, ärztliche Betreuung,
"Aquarobic"-Kurse und ein Tauch-Reisebüro.
Hauptfinanzier des teuren Tauchermekkas (Kosten laut Lembke: "ein mehrfacher
sechsstelliger Betrag") ist die Chicagoer "Decor-Corporation", der weltweit
größte Hersteller von Tauchausrüstungen. Ihr "Director of Sales" hielt vor
der erlauchten Tauchergesellschaft in Kennedy -Manier eine Laudatio auf
Berlin und auf "die Deutschen mit ihrer Geschäftstüchtigkeit". Die
"Dacor-Gedenkplakette" durfte dabei zum Schluß der Rede natürlich nicht
fehlen.
Kreuzbergs Bezirksstadtrat für Finanzen und Wirtschaft, Wulf-Jürgen Peter,
bezeichnete indes das neue Unternehmen als "Selbsthilfeprojekt" - im Hinblick
auf das Engagement der Macher, witzelte er. Kreuzberg sei ja schließlich der
"Bezirk der Selbsthilfeprojekte", meinte Peter und beschloß seine Rede, indem
er vernehmlich nach Champagner verlangte.
Stargast auf dem Eröffnungsempfang war aber der betagte Professor Dr. Hans
Hass, eine Art Wernher v. Braun des Tauchsports. Nach ein paar amüsanten
Schwänken aus seinem Leben ("Wie ich bei einem Bombenangriff doch noch zu
meinem Doktordiplom kam...") verlor er sich dann aber in seiner Rede - zum
Schrecken der Gastgeber - in ein Plädoyer gegen den kommerziellen
Tauch-Massentourismus.
"Hass gib` Gas", rief jemand. Dem Wiener Meeresbiologen, auch Autor eines
Buches mit dem Titel "Der Hai im Management", hörte zum Schluß aber eh keiner
der Anwesenden mehr zu, winkten doch noch der Tombola-Gewinn (u.a. eine
Tauchreise nach Ägypten) und eine aufregende "Aquarobic" -Vorführung mit
hübschen, wohlgebräunten Taucherinnen.
Marc Fest