Copyright © contrapress media GmbH
T910131.183 TAZ-BERLIN Nr. 3320 Seite 28 vom 31.01.1991
119 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Rapende Soldaten sagen NEIN!
Rapende Soldaten sagen NEIN!
Ein grooviger »Just-say-NO-Rap« ermuntert Soldaten zum Desertieren/
Kassetten kursieren schon am Golf und in der Bundeswehr
Kreuzberg. Mit einem von ihm selbst komponierten Rap protestiert der
schwarze Musiker und Vietnam- Veteran Darnell Stephen Summers gegen den
Golfkrieg: »I ain't dying for the price of gas - Uncle Sam, you can kiss my
ass.« Da rapt der Götz von Berlichingen. Und auch die eindringliche Botschaft
des Refrains ist klar: »So when they tell you to go - just say NO«.
Professionell produziert und demnächst auf CD erhältlich, könnte der Song von
Summers Band »The Criminals« schon bald zu einem Problem für Militärs und
Politiker werden. Denn der »Just-say- NO-Rap« hat das Zeug zum Ohrwurm, ist
gefährlich hitverdächtig.
Schon kursieren die Kassetten mit der moralzersetzenden Musik unter
amerikanischen Soldaten in Saudi Arabien. Unabhängige US-Radiostationen, vor
allem an der Ostküste, spielen den Anti-Kriegs-Rap mehrmals täglich. Als
Summers und seine »Criminals« vor kurzem mit einer tragbaren Verstärkeranlage
vor der Zufahrt einer amerikanischen Kaserne in Fulda aufspielten, versuchten
die US-Militärpolizisten vergeblich, die dort stationierten GIs zum Schließen
ihrer Fenster zu bewegen.
Summers, seit 1972 in Deutschland, weiß, daß ein solcher Protest in den
Staaten wahrscheinlich unmöglich wäre. »Doch in Fulda kam die deutsche
Polizei und schützte mein Demonstrationsrecht, anstatt den MPs dabei zu
helfen, mich loszuwerden«, erzählte er. Selbst wenn Summers, zum Beispiel auf
Demonstrationen, spontan ohne Begleitmusiker und Technik losrapt, geht der
Rhythmus in die Beine und verstärkt die »Message«: Lauf weg, say NO.
Der »Just-say-NO-Rap« entstand bereits vor Ausbruch des krieges im August
letzten Jahres. »Einige von meinen Band-Mitgliedern sind selbst hier
stationierte GIs. Als der Krieg immer wahrscheinlicher wurde, machten wir uns
eben einige Gedanken«, beschreibt Summers, der jetzt in Berlin zu Besuch war,
die Entstehung des Songs.
Deutsche Friedensgruppen unterstützen das Projekt mit 5.000 Mark, diverse
Plattenfirmen erteilten jedoch Absagen - oft mit Rücksicht auf ihre
amerikanischen Muttergesellschaften. Summers: »Wir haben alles allein
gemacht, das war eine echte Untergrundproduktion.« Nachdem schon fast 1.000
Kassetten an Friedensgruppen, Soldaten und Radiosender verteilt waren, fand
sich mit der Produzentin Vera Brandis schließlich eine Geldgeberin für die
professionelle Vermarktung des Protest-Raps mit dem stellenweise geradezu
prophetischen Text (»When oilfields start to burne«).
»I can't stand John Wayne« (Ich kann John Wayne nicht ausstehen) singt
Summers in seinem Rap, findet den Vorwurf des Antiamerikanismus allerdings
absurd: »Was heißt schon amerikanisch?« fragt er aufgebracht. »Die
ausgerotteten Indianer sind amerikanisch, und die Menschen, die jetzt in den
Staaten gegen den Krieg demonstrieren, sind auch amerikanisch. Auch die
deutsche Friedensbewegung hat nichts gegen das amerikanische Volk. Der
Begriff »amerikanisch« wird von den Politikern mißbraucht, um den Widerstand
gegen den Krieg zu diskreditieren.« Mit dem Rap bekämpft der 43jährige auch
die seiner Ansicht nach einseitige Berichterstattung in den Medien. »Die
verschweigen die simple Wahrheit«, kritisiert Summers, »daß nämlich immer die
kleinen Leute gegeneinander kämpfen und sterben müssen und nicht die
verantwortlichen Politiker, die versagt haben«.
Zusammen mit Brian Chambers, einem Mitglied der amerikanischen »Vietnam
Veterans against the War«- Vereinigung, arbeitet Summers zur Zeit an der
Aufstellung einer »Stop the War«-Brigade. In ihr wollen Veteranen aus aller
Welt, von Vietnam bis Afghanistan, gemeinsam gegen den Krieg am Golf
protestieren. Gleichzeitig versucht Summers weiterhin, den Widerstand
innerhalb der amerikanischen Streitkräfte zu mobiliseren. Auf dem
hannoverschen Hauptbahnhof schenkte Summers die Kassette mit dem Anti-Kriegs-
Rap auch einem deutschen Bundeswehrsoldaten. Vielleicht rapt der Refrain
somit auch bald in deutschen Soldatenohren: »Just say NO!« Marc Fest
Entsprechende Musikwünsche in Berlin an: Radio 4 You.