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T910531.172 TAZ-BERLIN Nr. 3418 Seite 22 vom 31.05.1991
71 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Debatte um NOR schleppt sich weiter
Debatte um NOR schleppt sich weiter
Der Rundfunkbeauftragte von Mecklenburg-Vorpommern schlug gestern
eine Zwitterlösung vor: Fernsehen mit Brandenburg und Berlin, Hörfunk
mit NDR/ SFB-Intendant Lojewski widerspricht
Berlin. Im Nervenkrieg um die Gründung eines Nordostdeutschen
Rundfunks (NOR) überraschte der Rundfunkbeauftragte von
Mecklenburg-Vorpommern Joachim Steinmann gestern in Berlin mit einer neuen
Variante: Auf einer Podiumsdiskussion im Sender Freies Berlin erklärte er,
der Hörfunk von Mecklenburg-Vorpommern könne mit dem NDR und der
Fernsehbereich in einer Anstalt zusammen mit Berlin und Brandenburg
organisiert werden. Diese Zwitterlösung biete sich dann an, falls sich im
Schweriner Landtag, wie abzusehen, weder für die NDR- noch für die NOR-Lösung
eine Mehrheit finde.
SFB-Intendant Günther von Lojewski protestierte auf der Veranstaltung gegen
diesen Vorschlag: Der NDR-Hörfunk verfüge in Mecklenburg-Vorpommern trotz
besserer Sendebedingungen mit 16 Prozent nur über unwesentlich bessere
Zuhörerquoten als der SFB (12 Prozent). Dieser Vorsprung rechtfertige nicht
ein Zusammengehen mit dem NDR.
Lojewski wünscht sich, wie mehrfach berichtet, einen NOR als
Gesamtrechtsnachfolger des SFB: Auf diese Weise wären die Arbeitsplätze des
SFB gesichert. Von den Ost- Journalisten sollten so viele wie möglich
übernommen werden: »Doch die journalistischen Leistungen der letzten 40 Jahre
in Ost und West dürfen dabei nicht gleichgesetzt werden«, meinte der
SFB-Intendant.
Fast alle 7.000 Beschäftigten im Ostberliner Rundfunk werden zum Jahresende
erst einmal auf der Straße sitzen. Das erwartet Manfred Becker, Medienexperte
der SPD. Die Programm- und Organisationspotentiale der bestehenden
Einrichtungen im Osten sollen nach Vorstellung der SPD unter Berücksichtigng
der jeweiligen Gebührenanteile in die zukünftige Arbeit integriert werden.
Bei der Übernahme von Ost-MitarbeiterInnen dürfe es keine pauschale
Diskriminierung geben. Redakteure dürften gegenüber technischen Mitarbeitern
nicht grundsätzlich benachteiligt sein. »Die sind nicht alle ethisch,
fachlich und ideologisch in Grund und Boden verderbt«, so Becker. Statt
dessen seien die Ergebnisse der gegenwärtigen Fragebogen- Überprüfung je nach
Einzelfall zu berücksichtigen. Auf keinen Fall wolle die Berliner SPD, daß
die noch bestehenden Einrichtungen im Osten über das Jahr 1991 hinaus
bestehen bleiben. Der Zeitplan des Einigungsvertrages solle eingehalten
werden; er sieht vor, daß bis zum Ende des Jahres eine Neuorganisation des
Rundfunks gewährleistet ist. Marc Fest