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T900731.186 TAZ-BERLIN Nr. 3171 Seite 21 vom 31.07.1990
74 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
"Fast wie im Westen"
"Fast wie im Westen"
Erster Sommerschlußverkauf in der DDR / Ein Besuch bei der Schlacht
am Grabbeltisch im "Centrum" und bei Hertie am Halleschen Tor
Friedrichshain. Nach dem Ausverkauf der Schlußverkauf. Erstmals
brach gestern auch für DDR-Bürger die Grabbeltisch -Saison an. Im
Centrum-Kaufhaus am Hauptbahnhof beobachtete die taz das Jagdverhalten der
Ost-KonsumentInnen. Große "SSV"-Fahnen und bunte Luftballons am Haupteingang
locken zu den Preisattraktionen - ganz wie im Westen. Der erste Grabbeltisch
mit diversen Damenledertaschen aus Westproduktion a 29 DM überrascht das
kauffreudige Publikum gleich an den Eingangstüren. "Das ist ja wie bei
Karstadt, alles ganz toll", schwärmt Gerda Heinz (58), "Disponentin" von
Beruf. "So ein Angebot hab` ich nicht erwartet", staunt sie. Hinter den
Tischen stehen zwei junge Verkäuferinnen an einer altertümlichen
Registrierkasse. "Total stressig heute", stöhnt Sabine Peter (19). Zur
Geschäftsöffnung um 9 Uhr 30 hätten über 300 Leute auf einmal den Eingang
gestürmt. "Die Rolltreppen haben blockiert, die Leute blieben aber
diszipliniert, es gab keine Hektik oder Panik", lobt Sabine.
Zweite Etage. Schuhabteilung. Auch hier ein Riesenansturm. Das Sortiment hat
Westniveau. Aus den Lautsprechern säuseln Musik und Werbung. Die meisten
wollen sich die Schuhe lieber selber anprobieren und verzichten auf Beratung.
"Früher wurde man immer gleich angesprochen und durfte nichts selbst
anfassen. Da fühlte man sich sofort unter Druck gesetzt und ging lieber
gleich wieder weg", erklärt Barbara März (39), Lehrerin in Ost-Berlin, die
allgemeine Selbständigkeit beim Kauf.
"Das Angebot ist überwältigend", meint Helga Neumann (62). "Doch wir müssen
bei den Billigangeboten bleiben", fügt ihr Mann Gerd (62) resigniert hinzu,
während seine Frau eine Damenpantolette für 1,90 DM anprobiert. Grund für die
erzwungene Sparsamkeit: Das Rentnerehepaar verfügt im Monat über lediglich
1.000 DM. Auf Hochtouren läuft der Betrieb auch an der Cocktailbar gleich
neben der Schuhabteilung. Der absolute Renner an diesem Tag: Cola. Alkoholika
sind kaum angesagt. Barmixerin Daniela Büschleb (28): "Erschöpfte Kunden
machen hier zwischendurch nur mal Pause."
Szenenwechsel. Fast identische Bilder bei Hertie am Halleschen Tor in
West-Berlin. "Das Beste zum Schluß", lautet der Slogan am Eingang. In der
zweiten Etage ist das Gedränge noch größer als im Centrum. Hier gibt es noch
mehr Grabbeltische, die Warenständer sind noch dichter aufgestelt. "Man kann
hier nach Herzenslust wühlen", freut sich Horst Hellwig (33), Techniker aus
Ost-Berlin. Wie viele andere Ostberliner findet auch er: "Das beste
Schnäppchen mach ich doch im Westen."
Marc Fest