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T900831.204 TAZ-BERLIN Nr. 3198 Seite 23 vom 31.08.1990
80 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Teufelskreis: HIV und Heroin im Knast
Teufelskreis: HIV und Heroin im Knast
"Abseits - Aids-Kranke hinter Gittern" / Die Aids-Hilfe zeigt
Plakatentwürfe von Gefangenen
Wilmersdorf. Gefangen im Teufelskreis: Die besondere Problematik von
Menschen mit HIV oder Aids im Strafvollzug war Thema eines Plakatwettbewerbs,
den die Deutsche Aids -Hilfe 1989 in bundesdeutschen und Berliner
Gefängnissen veranstaltete. "Abseits - Aids-Kranke hinter Gittern" ist der
Titel einer Ausstellung, die jetzt in den Räumen der Aids-Hilfe in der
Meinekestraße 12 zu sehen sind.
Auf 50 Plakaten, von der kindlich-naiven Strichzeichnung bis hin zum
professionellen Mehrfarbendruck, vermitteln die betroffenen Gefangenen ein
bedrückendes Gesamtbild ihrer Situation: Isolation, Diskriminierung schwuler
Insassen, mangelnde medizinische Versorgung, das nervenzermürbende Warten auf
den Ausbruch der Krankheit in der Enge einer 8 -Quadratmeter-Zelle. Der
Betrachter der Entwürfe kann erahnen, daß sich all dies oft nur im
Drogenrausch ertragen läßt.
Heroin ist in den Knästen inzwischen die Droge Nummer eins. Unter den 2.000
Gefangenen im geschlossenen Vollzug der großen Westberliner
Justizvollzugsanstalten (JVAs) gibt es nach Schätzungen der Berliner
Aids-Hilfe mittlerweile 300 bis 350 Fixer.
Lag der Knastpreis für das Gramm Heroin noch vor einigen Jahren bei 800 DM,
wird es gegenwärtig für nur noch 300 DM gehandelt. Die Konsequenz: Die Zahl
der Heroinabhängigen steigt rapide. Bis zu 15 Gefangene hängen an einer
"Stationspumpe", also einer Injektionsspritze, schildert Gert Wüst,
Aids-Berater in den JVAs. An den Reibeflächen von Streichholzschachteln
schärfen sich die Gefangenen die verschmutzte Nadel für den nächsten Schuß.
Anstatt endlich Spritzenautomaten aufzustellen, setzen die Verantwortlichen
nach wie vor auf die praktisch unmögliche Verhinderung des Drogenkonsums. Die
Folge dieser Augen-zu -Politik: Fast jeder Fixer im Gefängnis ist
mittlerweile infiziert.
Immerhin wurden mittlerweile sowohl in Bremen als auch in Berlin
Senatskommissionen gebildet, die die Möglichkeit der Vergabe steriler
Spritzbestecke in den JVAs untersuchen. Doch der Berliner Aids-Hilfe geht es
um mehr: Sie fordert außerdem die Verbesserung der medizinischen Betreuung
gegebenenfalls auch außerhalb der Anstalt -, die Bereitstellung von
geeigneten Desinfektionsutensilien und den ungehinderten und unbeobachteten
Zugang der Häftlinge zu Kondomen. Die Justizbehörden hätten endlich zu
akzeptieren, "daß Sexualität und Drogenkonsum zur Realität des
Gefängnisalltags gehören".
Die Ausstellung "Abseits - Aids-Kranke hinter Gittern" läuft noch bis zum 7.
September in den Räumen der Berliner Aids-Hilfe, Meinekestraße 12, 4. OG.
Öffnungszeiten: werktags 10-18, mittwochs: 15-18 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Marc Fest