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T930831.121 TAZ Nr. 4099 Seite 20 vom 31.08.1993
111 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Amerikas Schwulen-Debatte in der nächsten Phase
Amerikas Schwulen-Debatte in der nächsten Phase
"Gott sei Dank für Aids"
Atlanta (taz) - Erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten
hat die Regierung eines US- amerikanischen Landkreises (County)
Homosexualität pauschal verurteilt und damit eine neue Phase in der
nationalen Debatte über Homosexualität eingeläutet: "Die Lebensweise der
Schwulen ist unvereinbar mit den Wertmaßstäben unserer Gemeinschaft", heißt
es in einer Resolution, die das "Board of Commissioners" von Cobb County in
Georgia mit vier gegen eine Stimme verabschiedet hat. Vor dem
Regierungsgebäude des 450.000 Einwohner zählenden Landkreises hatten sich
mehrere Kirchengruppen versammelt. "Gott sei Dank für Aids" und "Unterstützt
die Werte der Gemeinschaft" stand auf ihren Plakaten.
Mehrere US-Kommunen haben in der Vergangenheit bereits Verordnungen und
Gesetze erlassen, die politischen Schwulen-Initiativen das Leben erschweren
sollen. Mit der Resolution von Cobb County hat ein gewähltes Exekutivgremium
jedoch zum ersten Mal in der Geschichte der USA Homosexualität grundsätzlich
und unabhängig von juristischen Einzelfragen als "unvereinbar mit den Normen
unserer Wertegemeinschaft" verdammt und damit einen Präzendenzfall
geschaffen.
Der rechtlich unverbindlichen Resolution vom 10. August folgte vergangenen
Dienstag eine Verordnung, wonach kulturelle Einrichtungen von der Kommune
grundsätzlich nicht mehr subventioniert werden. Die für 1994 bereits
budgetierten Gelder sollen nun in Hunde und Dienstfahrzeuge für die Polizei
investiert werden. Commissioner Gordon Wysong, Hauptinitiator der Resolution,
verwies gegenüber der taz auf die nationale Diskussion über schwule Soldaten
in der US-Armee: "Präsident Clinton benutzt die Armee als eine soziale
Einrichtung anstatt zur nationalen Verteidigung. Mit unserer Resolution will
ich auch Senator Sam Nunn unterstützen." Georgias Senator Nunn, als Demokrat
in derselben Partei wie Bill Clinton, hatte den Präsidenten in der Schwulen-
Debatte heftig kritisiert.
Mit der Resolution und seinem Steuerverdikt versucht sich der konservative
Landkreis außerdem von dem nur 30 Kilometer südöstlich gelegenen Atlanta zu
distanzieren: In einer festen Partnerschaft lebende schwule Angestellte im
öffentlichen Dienst genießen in Georgias Hauptstadt seit kurzem ähnliche
Privilegien wie ihre verheirateten Kollegen. Georgias demokratischer
Gouverneur Zell Miller hat Atlanta zudem als Austragungsort für die "Gay
Games", einer Art Schwulen-Olympiade, im Jahr 1998 vorgeschlagen. 1996 finden
in Atlanta die Olympischen Sommerspiele statt.
Mit dem Schwulen-Verdikt von Cobb County wehren sich die konservative Kräfte
auf lokaler Ebene gegen die national immer mehr an liberaler Unterstützung
gewinnende Schwulen- und Lesbenbewegung. Die Schwulen-Debatte in den USA
stehe inzwischen für eine "tiefe kulturelle Spaltung in der amerikanischen
Gesellschaft", schrieb die New York Times in der vergangenen
Woche.
Jon Greaves, Schwulen-Aktivist mit Wohnsitz in Cobb County, hofft, daß die
Debatte die bisher eher verborgen lebenden Schwulen und Lesben des
Landkreises aufrüttelt. Mit einem schwul-lesbischen "Familienpicknick" mit
tausend Teilnehmern am vergangenen Sonntag im Zentrum von Marietta haben die
Schwulen und Lesben von Cobb County inzwischen ihre Protestaktionen
gestartet. "Je mehr über uns gesprochen wird, desto besser sind unsere
Chancen, akzeptiert zu werden", erklärte Jon Greaves gegenüber der taz -
"auch wenn wir diese eine Schlacht verlieren sollten - den Krieg werden wir
letztendlich gewinnen." Marc Fest